Der Regisseur İlker Çatak erzählt in seinem neuen Film «Gelbe Briefe» mit beklemmender Aktualität von einem Künstlerpaar, das durch die Willkür eines autoritären politischen Systems unter Druck gerät und sich zwischen seinen Idealen und Anpassung entscheiden muss. Dafür wurde er bei der Berlinale 2026 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Im Interview spricht Regisseur über Haltung, Meinungsfreiheit und die politische Verantwortung von Kulturschaffenden.
„Gelbe Briefe“ erzählt von einem Künstlerehepaar in der Türkei, das ins Visier der staatlichen Repression gerät und vor der Frage steht: Was ist die richtige Haltung? Was war der Impuls für diese Geschichte?
İlker Çatak: Ich wollte mit meiner Frau und Ko-Autorin Ayda schon seit längerem einen Film über Menschen drehen, die sich über das Politische entzweien. 2019 war ich für Dreharbeiten zu einem anderen Projekt in Istanbul und traf mich dort in einem Café mit Kollegen vom Theater, die genau solche Entlassungsbriefe bekommen hatten wie das Paar in unserer Geschichte. Das war im Grunde die Initialzündung. Wir begannen dann zu recherchieren und Gespräche mit Menschen in Istanbul zu führen, wo wir beide noch starke Bande haben. Meine Frau hat dort Kunst studiert. Dabei haben sich die Themen des Films herauskristallisiert.
Wenn ich heute in Deutschland einen Film wie ‚Gelbe Briefe‘ drehe, dann muss er auch etwas über uns erzählen.
Der Film spielt in der Türkei, ist aber in Deutschland gedreht. Es wird eingeblendet: „Berlin als Ankara“, „Hamburg als Istanbul“. Wollten Sie damit die universelle Dimension des Konfliktes in Zeiten betonen, in denen autoritäre Kräfte weltweit erstarken?
Ja. Wir sind in Deutschland sehr gut darin, die Zustände in anderen Ländern anzuprangern, statt auch nach innen zu blicken und uns vor Augen zu führen: Was dort gerade stattfindet, ist auch bei uns schon passiert. Und es könnte bald wieder passieren. Wenn ich heute in Deutschland einen Film wie „Gelbe Briefe“ drehe, dann muss er auch etwas über uns erzählen.
Im Zentrum von „Gelbe Briefe“ steht der Angriff auf die Freiheit der Kunst, der Wissenschaft, der freien Meinungsäußerung – wieso sind Kultur und Wissenschaft stets die ersten Zielscheiben repressiver Regime?
Das gleiche gilt auch für Medien und Journalismus. Für alles, was Gehirne formt. Medien, Wissenschaft und Kunst haben eine große Kraft, Menschen in ihrem Weltbild zu beeinflussen. Ein Rocky Balboa-Film kann im Alleingang die Idee des sowjetischen Kollektivs mit der Erzählung vom Individuum unterlaufen. Das wissen natürlich auch diese autoritären Staaten. Auf der anderen Seite geht damit eine Verantwortung der Künstlerinnen und Künstler einher.
Denken Sie an ein konkretes Beispiel?
Ich denke zum Beispiel an den Film „The Voice of Hind Rajab“ über die Ermordung eines fünfjährigen palästinensischen Mädchens, über den ich aktuell viel mit Kollegen diskutiere. Einerseits finde ich, dass der Film politisch auf der richtigen Seite steht. Andererseits bedient er sich auch Mitteln, die man als Propaganda auslegen könnte. Das heißt, einfach nur ein Weltbild hinauszuposaunen, genügt mir nicht. Selbst wenn es der guten Sache dient. Ich möchte Filme machen, die subtiler sind und zum Denken anregen. Wenn ein Mensch von alleine auf einen Gedanken kommt, dann wurzelt er tiefer.
„Gelbe Briefe“ wirft die Frage auf, was es bedeutet, sich mit autoritären Verhältnissen zu arrangieren. Die Hauptfiguren Derya und Aziz arbeiten vor ihrer plötzlichen Entlassung als Schauspielerin und Regisseur am staatlichen Theater, bzw. an einer staatlichen Hochschule – vermeintlich frei, aber eben von der Regierung finanziert. Beginnt da schon der faule Kompromiss?
Ich würde nicht sagen, dass es ein fauler Kompromiss ist. Meine Hauptfiguren Derya und Aziz haben schon ein politisches Bewusstsein, aber sie bewegen sich eben in einem privilegierten Korsett. Darin kann man es sich auch gemütlich machen und sich einreden, man sei trotzdem frei und kritisch. Bis das Regime die Daumenschrauben anzieht und die beiden erleben, was beispielsweise eine kurdische Minderheit in der Türkei quasi von Geburt an kennt.
Derya und Aziz haben eine jugendliche Tochter, sie sind an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt – sie haben also viel zu verlieren. Entsprechend ringen sie damit, wie offen sie sich gegen das System stellen sollen. Haben Sie Verständnis für das Schweigen aus Angst – oder fordern Sie gerade von Kulturschaffenden Haltung und Mut zum Widerstand?
Auf jeden Fall fordere ich das. Und gleichzeitig habe ich auch Verständnis für Menschen, die ein Kind großziehen und sich nicht in Gefahr begeben wollen. Auf jeder Demo gibt diejenigen, die sich in vorderster Front dem Wasserwerfer stellen und die anderen, die hinten mitmarschieren. Man kann nicht von allen erwarten, dass sie sich dem Wasserwerfer aussetzen. Aber ich würde mir gerade für meine Branche wünschen, dass mehr Menschen Filme machen, die in die politische Auseinandersetzung gehen.
Wie blicken Sie auf die Lage in den USA, wo ja auch um Haltung gerungen wird?
Ich fand in den USA den Fall Jimmy Kimmel spannend, der erst von Disney abgesetzt wurde, und dann wieder auf Sendung gehen durfte – aber nicht, weil irgendjemand den politischen Fehler eingestanden hätte, sondern aus rein wirtschaftlichen Gründen. Die Zahl der Abo-Kündigungen war Disney einfach zu hoch. Dieses Zusammenspiel von Politik und Kapitalismus müssten wir viel mehr in den Blick nehmen.
Wir leben in einer Zeit, in der die Anhäufung von Geld zum Wert an sich geworden ist. Die tatsächlichen Werte liegen aber anderswo. Dort nämlich, wo Menschen Haltung zeigen.
Inwiefern?
Auch Bildung ist zum Beispiel dem kapitalistischen System unterworfen, davon erzähle ich ebenfalls in „Gelbe Briefe“. Entweder hast du das Geld, dein Kind auf eine Privatschule zu schicken. Oder du musst in Kauf nehmen, dass es an einer staatlichen Schule mit der Agenda der Regierung gefüttert wird. Wir leben in einer Zeit, in der die Anhäufung von Geld zum Wert an sich geworden ist. Die tatsächlichen Werte liegen aber anderswo. Dort nämlich, wo Menschen Haltung zeigen.
Welche Debatten wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang?
Wir haben in den vergangenen Jahren viel über Identity Politics gesprochen. Verstehen Sie mich nicht falsch, diese Debatten waren notwendig. Aber darüber ist uns die Frage nach Klassismus und der immer größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich aus dem Blick geraten. Wieso wird in Deutschland eigentlich Vermögen so wenig besteuert? Warum löst sich das Aufstiegsversprechen für immer weniger Menschen ein? Daraus resultiert Politikverdrossenheit, die ein Grund für die Abwanderung so vieler nach rechts ist. Diese gesellschaftspolitischen Themen müssten wir dringend angehen.
„Jeder Mensch hat seinen Preis“, sagt Aziz an einer Stelle Ihres Films. Zugleich müssen nun mal alle ihren Lebensunterhalt verdienen. Ist dieses ökonomische Dilemma, das die Menschen erpressbar macht, überhaupt auflösbar?
Wahrscheinlich nicht. Erst kommt das Fressen, dann die Moral, hat Brecht gesagt. Entsprechend wäre dieser Zustand wohl nur auflösbar, wenn für das Fressen ausreichend gesorgt wäre. Wir leben in der drittstärksten Wirtschaftskraft der Welt. Wie kann es sein, dass hierzulande immer noch alleinerziehende Mütter in drei Jobs gleichzeitig arbeiten müssen? Wie kann es sein, dass immer noch Menschen unter dem Existenzminimum leben? Da habe ich Verständnis für alle, die sagen: Bleibt mir vom Leib mit eurer Haltung und euren Idealen. Kein Verständnis habe ich für diejenigen, die die Probleme politisch nicht angehen.
„Gelbe Briefe“ thematisiert auch die Frage nach Solidarität und Zusammenhalt. Die von Entlassung Betroffenen zerstreiten sich untereinander, Derya und Aziz haben zunehmend Konflikte in ihrer Beziehung. Erzeugen autoritäre Systeme diese Spaltungen bewusst?
Natürlich. Die Strategie „Divide et impera“, teile und herrsche, geht zurück bis in die Antike. Den Gegner durch Spaltung zu schwächen, funktioniert auch heute noch. Deswegen war mir die Szene in „Gelbe Briefe“ wichtig, in der sich Aziz und seine Kolleginnen und Kollegen an der Uni darüber entzweien, was der richtige Umgang mit ihrer Kündigung ist. Ich frage mich, weshalb es die Linke fast nirgendwo schafft, sich zusammenzuraufen und ein Bollwerk gegen rechts zu bilden. Das gilt auch für Deutschland. Das Ziel müsste doch sein, gemeinsam die AfD zu verhindern. Stattdessen zerstreiten wir uns untereinander. Das Scheitern der letzten Ampel-Legislatur zeigt exemplarisch diese selbstzerstörerische Zersplitterung: Statt strategischer Geschlossenheit verlieren sich die Parteien in Abgrenzung und parteitaktischem Kalkül. Eine Kurzsichtigkeit, die nur den Falschen nützt.
Wie blicken Sie auf die kulturpolitische Situation in Deutschland? Sind auch hierzulande die unabhängigen Räume bedroht?
Wir dürfen in Deutschland nach wie vor sehr frei denken und reden. Aber wenn es zum Beispiel um den Nahostkonflikt geht, spüre ich eine Verunsicherung, ob man nicht Sanktionen befürchten muss, wenn man sich in einer bestimmten Weise äußert.
Die Bedrohung von rechts ist das allergrößte Thema.
Wie meinen Sie das konkret?
Damit meine ich einen leisen Aussonderungsprozess von Meinungen, die vermeintlich im Widerspruch zu der Art und Weise stehen, wie Staatsräson ausgelegt wird. Diesen Abweichlern, ob sie in der Wissenschaft oder Kultur arbeiten, werden im Zweifelsfall die öffentlichen Mittel gekürzt. In Deutschland bekommt man nicht direkt auf den Deckel, das geschieht subtiler.
Macht Ihnen das mehr Sorgen als eine Bedrohung der Kultur von rechts?
Nein, die Bedrohung von rechts ist das allergrößte Thema. Ich kann es deshalb auch nicht nachvollziehen, wenn unser Innenminister ankündigt, er werde jetzt entschieden gegen die Bedrohung von links vorgehen. Wenn wir über Rechtsextremismus sprechen, dann reden wir über Hanau, den NSU-Komplex, Walter Lübcke. Wir reden über Menschen, die ermordet wurden. Wenn es um linke Gewalt geht, reden wir meist über Sachbeschädigung. Zwar gab es auch linke Gewalt, die Menschenleben forderte, man denke an die RAF, doch dass heutzutage beide gleichgesetzt werden, ist grotesk.
In den Hauptrollen von „Gelbe Briefe“ sind mit Özgü Namal und Tansu Biçer zwei Stars des türkischen Kinos besetzt. Haben die beiden gezögert, an einem Film mitzuwirken, der sich klar regimekritisch lesen lässt? Was riskieren sie damit?
Darüber, was sie riskieren, kann ich nur spekulieren. Wir wissen alle, dass es in der Türkei nicht viel braucht, um ins Gefängnis gesteckt zu werden. Aber wenn irgendetwas passieren sollte, würde ich mich natürlich schützend vor sie stellen. Es ist mein Film, meine Verantwortung. Als ich Özgu und Tansu das Drehbuch gab, habe ich einen Katalog mit Fragen vorangestellt, die an die Schauspielerinnen und Schauspieler adressiert waren, aber genauso an mich selbst. Eine lautete: Was hast du in deiner bisherigen Karriere riskiert? Ich hoffe, dass mein Film als Einladung zum Dialog verstanden wird, nicht als Anklage der türkischen Regierung.
Ich möchte an die transformative Kraft von Kunst glauben.
Wie haben Sie die Frage selbst beantwortet, was Sie in Ihrer bisherigen Karriere riskiert haben?
Nicht viel. Natürlich habe ich mit meinen bisherigen Filmen auch etwas riskiert. Aber nicht im politischen Sinn. Man setzt sich als Autor und Filmemacher dem Urteil der Kritik und des Publikums aus, man versucht, so persönlich wie möglich zu erzählen und lässt damit ein stückweit die Hosen herunter. Aber im Fall von „Gelbe Briefe“ wollte ich mutiger werden. Mit einem Film über die spaltende Kraft der Politik.
Ihr Film fragt nicht zuletzt, was Kunst bewirken kann. Aziz schreibt ein gesellschaftskritisches Stück, das aber nur in einem Off-Theater mit 100 Plätzen aufgeführt wird. „Mit Theater retten wir nicht die Welt“, heißt es mehrfach in „Gelbe Briefe“. Was sehen Sie das?
Ich möchte an die transformative Kraft von Kunst glauben. Trotzdem ist mir dieser Glaube in den vergangenen Jahren mehr und mehr abhandengekommen. Die Menschen, die Kunst machen, sind ja in den seltensten Fällen rechts. Trotzdem erleben wir diesen Rechtsruck weltweit. Das spricht für einen Bedeutungsschwund der Kunst. Dennoch denke ich: Wenn auch nur ein Mensch aus dem Kino kommt und plötzlich die Dinge in einem anderen Licht sieht, hat sich die Anstrengung schon gelohnt.
Das Interview führte Patrick Wildermann.
Patrick Wildermann lebt als freier Kulturjournalist in Berlin. Er schreibt unter anderem für Tagesspiegel, DIE ZEIT und das Goethe-Institut. Seine Schwerpunkte liegen auf Theaterkritiken, Künstlerportraits und kulturpolitischen Berichten.